Archiv für September 2010

Nachbarschaftsfest

Liebe Nachbarn,

hiermit laden wir Euch zu einer von uns geplanten Veranstaltung am 3.10.2010 ein: Tag der offenen Tür! -unser Projekt stellt sich vor. Informieren wollen wir Euch über unser Projekt und die Möglichkeiten, gegen steigende Mieten und Verdrängung aus den vertrauten Kiezen anzugehen.

Selbstverwaltetes Projekt Linienhof:

Wir wollen Euch Frage und Antwort stehen, was wir hier machen, warum wir auf dem Linienhof sind und wozu ein selbstverwaltetes Projekt überhaupt gut ist und was das mit Euch zu tun hat…
Oben drauf gibt es Kaffee und Kuchen, Musik und einen Film, der die Veränderungen in Mitte seit dem Ende der DDR zum Thema hat und zeigt, wie sich auch das äußere Bild von Mitte verändert hat.

Steigende Mieten stoppen, Verdrängung aus Wohnbezirken stoppen!

Vielleicht habt Ihr es schon gehört: der Linienhof soll weg… Eine Eigentümervereinigung will hier bauen, um sich Eigentumswohnungen zu schaffen. Einsteigen kann, wer genug Geld hat. Anders gesagt, wir nicht, Ihr nicht und überhaupt nur Leute mit dickem Geldbeutel, alle anderen können sehen, wo sie bleiben…
Bei Euch steigen die Mieten weiter, wenn wir wegziehen, weil hier ne „Baugruppe“ Eigentumswohnungen bauen will. Und das wäre sicher nicht das erste mal, daß bei Euch die Mieten steigen oder Eure Freunde wegen steigenden Mieten aus- oder umziehen müssen. Wenn Ihr wissen wollt was Ihr dagegen tun könnt oder wo Ihr eine Mietrechtsberatung bekommen könnt, ohne bezahlen zu müssen, könnt Ihr Euch an den Infoständen von „Steigende Mieten stoppen“ und der „Berliner MieterGemeinschaft e.V.“ beraten lassen.

Herzlich willkommen und bis zum 3.10.2010 um 15Uhr

Der Linienhof Adresse:Kleine Rosenthalerstr. 9

16./17.9. offene Werkstätten im Linienhof

im Rahmen des Intersquat-Festivals am 16.und 17. September in den Werkstätten des Linienhofs:
DIY-Metal-forge -
Schweißen, Schmieden usw. für Anfänger_innen und Fortgeschrittene
Welding, Forging etc. for Beginners and advanced people

außerdem: 16.9. 19:00uhr Film
Boum.the sound of eviction
Dokumentation über Gentrification in SanFrancisco und Widerstandsformen.
mit anschließender Diskussion

Thursday, 16th September 19h at Linienhof, Kleine Rosenthaler Straße 9/10:

Screening
Documentary „Boom – The Sound of Evic­tion“
on the gentrification process in San Francisco during the new economy boom – and on a big variety of protest and resistance action against increasing rents, displacement and evictions. (96 min., in english)

The idea is not only to watch a really good movie but also to discuss the ideas of direct action against gentrification – and which could be suitable for Berlin.

Bad weather? Then we‘ll meet in the Café in Linienstraße 206 and will be having the screening inside.

Don‘t be afraid: If you‘d rather go to the demonstration against gentrification that will start at 20h at Berlin’s city hall „Rotes Rathaus“ you also have to watch the movie at youtube – but you will probably miss the discussion.

aus: indymedia, 9.9.2010

(bln) Linienhof bleibt!! Baugruppen stoppen!

überlebenskünstlerin
09.09.2010 19:55
Themen: Freiräume

Zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Stadtentwicklung – Baugruppen – gewachsene linke Strukturen im Interessenkonflikt“ erschienen die eingeladene Baugruppe, die das Werkstattprojekt Linienhof bedroht, nicht.
Deswegen statteten einige Aktivist_innen der Miteigentümerin Hortensia Völckers (künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung), einen Besuch im Haus der Kulturen der Welt ab, wo diese sich gerade mit der Förderung von „Überlebensprojekten“ profilieren wollte.

Am Montag, den 6.9.2010 luden Unterstützer_innen zur öffentlichen Diskussion mit dem Titel „what’s left“ ins Café Morgenrot.
Geladen waren neben dem Unterstützer_Innenkreis Linienhof das Bündnis Steigende Mieten Stoppen, die Initiative Karla Pappel, der Stadtsoziologe Andrej Holm, sowie Mathias Greffrath und andere Mitglieder seiner Baugruppe als Grundstückseigentümer_innen und Uwe Rada, der in der taz einen Artikel über den Konflikt zwischen Baugruppe und Projekt veröffentlicht hat.

Der mehrdeutige Titel sollte 3 Themenblöcke zur Diskussion stellen. Welche Rolle spielen Baugruppen im Prozess der kapitalistischen Stadtentwicklung? Welche Bedeutung hat das für den Kiez und was bleibt von gewachsenen sozialen Strukturen übrig? Und wie vereinbart gerade ein Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, Globalisierungskritiker, Ex-Besetzer-Sympathisant und taz-Autor seine Idee von „links“ mit der Entsolidarisierung und Zerstörung eines bestehenden Projekts?

Es verwunderte sehr, daß weder Mitglieder der Baugruppe noch jemand von der taz erschienen war, da sich gerade diese über eine angebliche fehlende Gesprächsbereitschaft beklagt hatten. Noch wunderlicher war aber, daß Herr Greffrath auf telefonische Nachfrage angab, die Einladung sei bei ihm im Spam-Ordner gelandet, versehentlich natürlich…da hätte er nicht können…wäre aber…

Im Laufe der Diskussion entspann sich zwischen den Anwesenden das Netz von Senat für Stadtentwicklung und Baugruppen. In den beliebten Bezirken sollen die letzten Baulücken geschlossen werden. Zielgruppe sind kleine private Bauherren oder eben Baugruppen, da die meist kleinen Grundstücke keine Großinvestitionen ermöglichen. Leute mit genügend Geld, Verbundenheit mit der Stadt, die sich irgendwie einsetzen, wofür auch immer. Ideelle Unterstützung und bevorzugte Vergabe von Grundstücken durch den Senat an Baugruppen sollen den Markt bereiten. Architekten reihen sich ein und bieten Baugruppen ihre Dienste an oder initiieren sie selbst. Für den ehemaligen Mieter und späteren Eigentümer steigt der Anreiz zum Eigenheim, wenn die Mieten steigen. Ist genügend Eigenkapital und oder Kreditwürdigkeit vorhanden, beginnt die Rechnerei.

Anhand von Zahlen und Beobachtungen ließ sich zeigen, daß Baugruppen zur Zeit in einigen Bezirken einen großen Anteil im Bereich des Eigentumswohnungsneubaus stellen. Der Senat und die Bauindustrie machen Kasse, obendrauf will der Senat damit soziales Engagement vorgaukeln und gleichzeitig auf die Baugruppen abwälzen. Wer da als Bauherr nicht aufmerksam genug ist, kommt leicht zwischen die Zahnräder von Bauindustrie, Architektenträumen und Politik. Da die Maschinerie aber im Gange ist, läßt sich vermuten, daß auch in Zukunft mit Konflikten gegenüber Baugruppen zu rechnen ist. Steigende Einwohnerzahlen, steigende Zahl von Einpersonen-Haushalten, steigende Mieten, Platzmangel, fehlender sozialer Wohnungsbau, fehlende Mietbegrenzungen, etc. werden das Problem verschärfen!

Am Dienstag, 7.9.2010: Überlebenstraining mit Hortensia in der schwangeren Auster

Da am Vortag niemand von der Baugruppe zum Gespräch erschienen war, haben sich die Unterstützer_innen des Linienhofs diesmal bei der künstlerischen Direktorin der Kultustiftung des Bundes Hortensia Völckers (Miteigentümerin und Baugruppenmitglied Linienhof) eingeladen. Dazu besuchten sie im Haus der Kulturen der Welt die Auftaktveranstaltung von „Über Lebenskunst“, einem irgendwie undurchsichtigen Kunstprojekt, das mit diesem Titel genau auf die Situation passte. Als sie an den Türstehern vorbei waren, hatten sie die erste Kür Überlebenskunst hinter sich und ein Publikum von ca. 400 Personen vor sich, in das sie einsickerten. Nun war Frau Völckers mit ihrer Eröffnungsansprache an der Reihe. Da war viel von Nachhaltigkeit und besseren Ideen oder Umweltproblemen zu hören oder auch davon, daß der Zerstörung der Umwelt vorgebeugt werden müsse, aber kein Wort von ihrem zerstörerischen Werk gegenüber dem Linienhof.

Diesen Moment nutzten die Unterstützer_innen des Linienhofs, um ein Transparent (Die Kunst des Überlebens mit Frau Völckers…Linienhof bleibt!) zu entrollen, Flyer zu verteilen und eine entsprechende Ansprache an sie zu richten, in der das Problem kurz vorgestellt wurde. Aus dem Publikum kamen Solidaritätsbekundungen, ein Gast forderte ein Mikrofon für die Aktivist_innen, Flyer wurden überreicht. Herzlichen Dank ans Publikum für die Unterstützung!!

Nach einigem hin und her war Frau Völckers dann doch gesprächsbereit, nachdem ihr Bestechungsangebot fehl geschlagen war: nein, wir haben uns nicht zum Essen einladen lassen, um dafür zu gehen. Im Zusammenhang ihres Bauvorhabens und den daraus resultierenden Problemen für den Linienhof, konnte sie keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Wie sie zur Teilhabe an der Baugruppe gekommen war, konnte sie nicht beschreiben, irgendwie sei der Senat schuld, weil er das Grundstück verkauft habe… Aber kein Grund zum verzweifeln, sicher werden wir uns wiedersehen, um im Gespräch zu bleiben…Überlebt…

http://de.indymedia.org/2010/09/289579.shtml

aus: neues deutschland, 8.9.2010

Von Peter Nowak
08.09.2010
/ Berlin / Brandenburg

Debatte ohne Baugruppen
Linke Strukturen beklagten drohende Verdrängung

Noch immer ist die Zukunft des Linienhofes offen. Das Gelände in der Linienstraße in Mitte wird von unkommerziellen Handwerkern und Künstlern für ihre Arbeiten genutzt. Nun will eine Baugruppe, die das Gelände gekauft hat, mit der Errichtung eines Mehrfamilienhauses beginnen. Anfang August sollten die Bauarbeiten starten und die Nutzer des Linienhofes mobilisierten ihre Unterstützer. Doch die Bagger sind bisher nicht angerollt.

Seitdem herrscht Funkstille zwischen Platznutzern und Baugruppe. Bei der Diskussionsveranstaltung unter dem Motto »Baugruppen und gewachsene linke Strukturen im Interessenkonflikt« am Montagabend in dem Berliner Cafe Morgenrot war kein Baugruppenmitglied anwesend. Ob fehlende Bereitschaft oder Kommunikationsprobleme der Grund waren, ist unklar. Das Baugruppenmitglied Mathias Greffrath erklärte der ehemaligen Baustadträtin von Mitte, Karin Baumert, die die Veranstaltung moderierte, er habe die per Mail verschickte Einladung zu spät erhalten.

Wäre Greffrath anwesend gewesen, hätte er sich manche Kritik anhören müssen. »Baugruppen sind eine Form der Eigentumsbildung, die denen verschlossen bleibt, die nicht das nötige Eigenkapital zum Einstieg mitbringen. Ihre Mitglieder kommen aus kreditfähigen Mittelklassehaushalten«, erklärte ein Vertreter des Bündnisses »Steigende Mieten stoppen«. Weil die Grundstücke, auf denen Baugruppen ihre Häuser errichten, für einen sozialen Wohnungsbau nicht mehr zur Verfügung stehen und sich durch das Konsumverhalten der Baugruppenmitglieder teure Läden und Restaurants in der Umgebung ansiedeln, tragen sie auch zur Verdrängung von Menschen mit wenig Einkommen bei.

Das bestätigte Karla Pappel, eine Aktivistin der Alt-Treptower Stadtteilinitiative, wo sich mehrere Baugruppen angesiedelt haben. Sie trügen zu Mietsteigerungen in der Umgebung bei. Die Stadtteilaktivistin kritisierte zudem, dass die Baugruppen Begrifflichkeiten verwenden, die in sozialen Bewegungen entwickelt worden sind. So sei das Schlagwort vom kollektiven Wohnen oder die Parole »Die Häuser denen, die drin wohnen«, in den 80er Jahren von der Hausbesetzerbewegung kreiert worden. »Damals ist es aber um Aneignung und nicht um Eigentumsbildung gegangen«, betonte sie. Die Nutzung der Begriffe sei aber nicht zufällig. Nicht wenige der Baugruppenmitglieder waren in ihrer Jugend Hausbesetzer oder sind noch heute in sozialen Bewegungen aktiv. So hat sich Mathias Greffrath publizistisch im Umfeld von Attac gegen eine unsoziale Globalisierung positioniert.

Dass es bei dem Konflikt um die Baugruppen um unterschiedliche Interessen geht, machte der Stadtsoziologe Andrej Holm deutlich. »Mitglieder von Baugruppen profitieren von der Aufwertung eines Stadtteils, weil der Wert des Eigentums steigt. Für Mieter hingegen wird dadurch das Wohnen teurer.« Dieser reale Interessenkonflikt bestehe auch dann, wenn sich die Mitglieder der Baugruppe als politisch links definieren und sich sogar, wie in Alt-Treptow geschehen, als Gegner der Gentrifizierung bezeichnen. Der Grund der vor allem ideellen Förderung der Baugruppen durch den Berliner Senat liegt für Holm in dem Interesse, eine wohlhabende Mittelschicht in den Stadtteilen zu etablieren. Die Diskussion soll fortgesetzt werden. Eine größere Veranstaltung auch mit Mitgliedern der Baugruppen ist in Planung. Dann wird sich vielleicht auch die Perspektive für den Linienhof geklärt haben.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/179203.debatte-ohne-baugruppen.html?sstr=Linienhof|Baugruppen